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Worum geht es bei der sozialwissenschaftlichen Perspektive im Sachunterricht?

Es geht darum, Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler für das Zusammenleben in der demokratischen Gesellschaft zu fördern. Die Zeit zwischen dem 3. und dem 13. Lebensjahr ist dafür und für die Entwicklung einer „political literacy“ besonders prägend. Das heißt, dass Kinder in diesem Alter Vorstellungen und Einstellungen zu politischen und gesellschaftlichen Sachverhalten entwickeln. Sie greifen dabei automatisch auf Wissen zurück, das sie in ihren Familien, im Freundeskreis, also in ihrer Alltagswelt generieren. Im Sachunterricht sollen die Kinder die Alltagswelt, in der sie leben, verstehen. Diese „Lebenswelten“ sind  individuell und geprägt von sozioökonomischen, kulturellen und religiösen Unterschieden. Ihnen entspringen die Erfahrungen und Vorstellungen, welche die Kinder in den Sachunterricht mitbringen. Wir nutzen diese, um daran deutlich zu machen, dass wir Menschen unterschiedlich sind, unterschiedliche Ansichten haben, die Dinge der Welt unterschiedlich bewerten und trotzdem alle das gleiche Recht und die gleiche Pflicht haben, nämlich: die Vielfalt der Menschen und ihre unterschiedlichen Meinungen zu respektieren, zu tolerieren und im Abgleich mit unserer eigenen Meinung zu diskutieren. 

Mit Eintritt in die Grundschule machen Kinder einen Schritt aus ihren Familien heraus, hinein in die Gesellschaft. Die Phase der außerfamiliären Sozialisation und die Entwicklung von Mustern sozialen Handelns beginnt. Die Erkenntnis, dass unterschiedliche Personen unterschiedliche Ziele und Werte haben und dass diese sich von den eigenen Zielen und Werten unterscheiden können, ist nicht konfliktfrei. Der Konflikt stellt ein Phänomen dar, das wir als Ausgangspunkt des sozialen Lernens nutzen. Fragend-entdeckend können wir uns mit ihm auseinandersetzen, indem wir mit der Klasse eine Gesprächskultur entwickeln, Kinderfragen und das (Vor-)Wissen festhalten, Wege des weiteren Vorgehens besprechen, Handlungsanregungen umsetzen und uns der Lösung des Problems nähern. Konflikte entspringen dem Aufeinandertreffen schwer miteinander vereinbarer Vorstellungen, Wünsche, Verhaltensweisen (vgl. Hanns Petillion). Sie sind wunderbar geeignet, um daran die beschriebenen Fähigkeiten zu üben. Andere Phänomene, die in der sozialwissenschaftlichen Perspektive Anregungen zur Auseinandersetzung bieten sind „Gender“ - also geschlechterbedingte Unterschiede und Migration. Die Komplexität der Sachverhalte kann anfangs in kürzeren, dafür regelmäßigeren Lernsituationen, später in größeren Einheiten behandelt werden. Eins haben sie jedoch gemeinsam: immer passt das Konzept von Gerechtigkeit als ein wesentlicher Aspekt, der für Kinder und Jugendliche besonders bedeutsam ist. Im Sachunterricht der sozialwissenschaftlichen Perspektive geht es darum, die Konzepte von Gerechtigkeit genauer herauszuarbeiten und zu verhandeln. Aufgabe der Lehrkraft ist es, diesen Arbeits- und Verhandlungsprozess zu gestalten, ohne die Kinder zu „überwältigen“; denn eine Veränderung des eigenen, bestehenden Konzepts, das eventuell eine Fehlvorstellung beinhaltet, kann nur im Prozess und idealerweise beim Aushandeln mit Kindern gleichen Alters vollzogen werden.  Dass ein Kind unserer Klasse also von heute auf morgen seine Vorbehalte oder „Vorurteile“ gegenüber dem Anderssein ablegt, nur weil wir einmal in der Klasse darüber diskutiert haben, wird nicht geschehen. Jedoch lohnt sich die kontinuierliche Auseinandersetzung und Verhandlung auch wiederkehrender Konflikte und Kontroversen. „Die Erziehung zur Demokratie ist immer so etwas, wie die Neuerfindung demokratischer Prinzipien der nachwachsenden Generation“ (Helmut Schreier). Dazu sind Fertigkeiten und Fähigkeiten zu erlernen, die das Ziel haben, Kinder und Jugendliche zur Mündigkeit zu erziehen. 

Der Beutelsbacher Konsens

„Was hast du gewählt?“ fragten mich meine Schülerinnen und Schüler am Tag nach der letzten Bundestagswahl. In den Wochen davor hatte ich zusammen mit meinen Kolleginnen und Kollegen das Projekt „Relli-Wahlen“ in allen Lerngruppen der jahrgangsgemischten Unterstufe 4-5-6 an der Schule Rellinger Straße durchgeführt. Schnell ist die Antwort auf diese Frage gegeben, um sich dann gleich wieder anderen Anliegen zuzuwenden. Aber was bedeutet meine Antwort für den Prozess der Meinungsbildung der Schülerinnen und Schüler? Welchen Einfluss hat meine Wahlentscheidung auf die Erziehung zur Mündigkeit anderer? Gerade weil Kinder und Jugendliche immer häufiger durch Social Media in ihrem Findungsprozess beeinflusst werden, sollten wir sie darin begleiten und stärken, unabhängig von anderen Entscheidungen zu treffen. Es geht darum, dass sie selbstständig Urteile bilden und darin nicht von Lehrkräften mit deren eigener Meinung oder Wahlentscheidung „überrumpelt“ werden („Überwältigungsverbot“). Für diesen Prozess ist es notwendig das, was kontrovers in Wissenschaft und Politik ist auch kontrovers im Unterricht erscheinen zu lassen („Kontroversitätsgebot“). Im dritten Grundsatz des Beutelsbacher Konsens geht es darum dass Schülerinnen und Schüler von uns in die Lage versetzt werden, die eigene Interessenlage zu analysieren, um die politische Lage im Sinne ihrer Interessen zu beeinflussen.

Der Hintergrund ist durch die Geschichte unseres Landes geprägt 

Mitte der 1970er Jahre hatte die Landeszentrale für politische Bildung nach Beutelsbach (Baden-Württemberg) zu einer Fachtagung eingeladen, um einen Konsens für die demokratisch orientierte politische Bildung in Deutschland nach 1945 zu finden. Anlass waren Kontroversen über Ziele und Aufgaben der politischen Bildung in der Schule. Die Prinzipien der sozialwissenschaftlichen Perspektive im Sachunterricht basieren auf dem „Beutelsbacher Konsens.“ Er hat seit 1976 seine Gültigkeit für den sozialwissenschaftlichen Unterricht, ist verankert in den Bildungsplänen der Grundschule, Sekundarstufe I & II.

Der Beutelsbacher Konsens umfasst drei Grundsätze

  • Überwältigungsverbot

  • Kontroversitätsgebot

  • Interessenlage / Schüler/-innenorientierung

Sie gilt es im Sachunterricht zu achten und berücksichtigen. 

Eine gute Antwort auf die eingangs genannte Frage ist daher wohl: „Ja, ihr habt recht! Ich bin zur Wahl gegangen und habe meine Stimme abgegeben. Der Rest ist ein Wahl-Geheimnis, aber das wisst ihr ja aus dem Unterricht!“ Damit sagen wir aus, dass wir am demokratischen Prozess beteiligt sind und die geheime Abstimmung tolerieren ohne jemanden mit unserer Entscheidung oder Meinung zu „überrumpeln“.

Themen mit sozialwissenschaftlichem Schwerpunkt

Wie organisieren wir unser Zusammenleben? Wer lebt hier wie? Was ist eine Demokratie und wie funktioniert diese in unserer Klasse, unserer Schule und unserer Stadt? Diese und weitere Fragen führen anlässlich der Themen „Meine Schule, meine Klasse“, „Kinder der Welt“,, „Leben in Gemeinschaft“ und „Zusammenleben in Europa“ (Beispiele aus dem Bildungs- und Lehrplänen Sachunterricht der Länder) zu einer Auseinandersetzung mit der politischen Ordnung. Anlass bietet auch die bedeutsame Wahl der Sprecherinnen und Sprecher für die Klasse und für die Schule, aber auch Themenbereiche rund um alle möglichen politischen Entscheidungen, die in das Klassenzimmer geholt werden, analysiert und beurteilt werden können. Die Themen „Wohnen“, „Flucht“ und „Migration“ entspringen flächendeckend der Lebenswelt der Grundschulkinder in Deutschland. Sie können sehr gut dazu dienen, Fragen nach Gerechtigkeit zu diskutieren und Fähigkeiten zu erlernen, die zum Verstehen unserer demokratischen Grundsätze beitragen und zum respektvollen und toleranten Zusammenleben in unserer von Vielfalt geprägten Gesellschaft befähigen. 

Fertigkeiten & Fähigkeiten in der sozialwissenschaftlichen Perspektive

Bei der Auseinandersetzung mit den genannten Themen im Sachunterricht üben die Schülerinnen und Schüler fachspezifische Denk-, Arbeits- und Handlungsweisen. Sie lernen zu argumentieren, zu verhandeln und zu urteilen. Dafür üben sie sich im Beschreiben von Situationen oder Ansichten, die mit anderen verglichen werden. Es folgt ein Abwägen bezüglich der eigenen Beurteilung und Entscheidung. Sie lernen, sich eine eigene Meinung zu bilden, die sie begründen können. Im Austausch mit den anderen entwickeln sie die Fähigkeit, gegenteilige oder andere Ansichten und Entscheidungen zu respektieren und zu tolerieren. Von diesen Erkenntnissen ausgehend lernen die Schülerinnen und Schüler Handlungen zu planen und umzusetzen, um so an demokratischen Prozessen teilzuhaben und an ausgewählten gesellschaftlichen Gruppen partizipieren zu können. 

Fachspezifische Methoden 

Der „Forschungskreislauf“ (sozialwissenschaftlich) 

Wie auch in der naturwissenschaftlichen Perspektive kann das Prinzip des Forschenden Lernens in der sozialwissenschaftlichen Perspektive angewendet werden. Der „Forschungskreislauf“ muss nur leicht abgewandelt werden. Ausgangspunkt ist eine sozialwissenschaftliche Fragestellung (die von den Kindern ausgeht). Anders als beim naturwissenschaftlichen Arbeiten werden in der Phase der Durchführung Interviews und Befragungen oder Abstimmungen durchgeführt. Die Ergebnisse der einzelnen Befragungen oder Abstimmungen können in schriftlicher Form oder als Audiodatei dokumentiert werden. In einer Tabelle oder in einer Grafik wird ein Gesamtergebnis am Ende gesichert. Es dient der Veranschaulichung oder als Grundlage für eine Diskussion. Ziel ist die kritische Auseinandersetzung mit sozialen und gesellschaftlichen Fragen und die Anregung des eigenständigen Denkens, das im Sinne Martin Wagenscheins ein Gegenentwurf zum Unterricht darstellt, der die Weitergabe „fertiger Wissensbestände“ zum Inhalt hat. 

Die Meinungslinie

„Was meinst du zu folgender Aussage?“ - das ist die „Standardfrage“, die als Impuls für die Positionierung auf der Meinungslinie immer gut funktioniert. Vorher wird auf den Boden im Klassenraum oder im Flur davor mit einem langen Streifen Kreppband eine Linie geklebt an deren Enden ein Schild mit Ja und am anderen Ende mit Nein gelegt oder geklebt wird. Nun stellen sich die Schülerinnen und Schüler in einem Kreis um die Linie herum. Die Lehrkraft erklärt, dass es auf der „Meinungslinie“ kein richtig und kein falsch gibt. Jedes Kind kann sich zu der These - also der Aussage - entsprechend der eigenen Meinung positionieren. Außerdem wird erklärt: „Du kannst dich auch in der Mitte aufstellen oder etwas näher an Ja oder Nein und so deine Meinung zum Ausdruck bringen.“ Diskussionen finden auf der Meinungslinie nicht statt. Sie werden in einem anschließenden Gespräch geführt. Ich arbeite meist mit drei Thesen, zu denen sich die Kinder positionieren. Die erste These hat noch nicht unbedingt etwas mit dem Thema zu tun, sondern dient zur Erprobung der Methode. Die zweite und dritte These passt zum gewählten Lerngegenstand und Thema der Stunde. Stehen die Schülerinnen und Schüler auf der Linie, dann werden sie durch die Lehrkraft befragt: „Warum stehst du da, wo du stehst?“ Die Befragung kann mit einem Mikrofon (z.B. Kochlöffel mit Sockenbezug) durchgeführt werden und erhält so einen spielerischen, aber auch professionellen Charakter. Nachdem die Befragung auf der Meinungslinie stattfand, gibt es ein Signal, damit die Schülerinnen und Schüler sich neu positionieren können, wenn ein Argument sie überzeugt hat. Daraufhin kann eine weitere Befragung stattfinden, die durch den Impuls eingeleitet wird: “Welches Argument hat dich überzeugt, so dass du deine Position verändert hast?”. Alternative: Wenn der Platz im Klassenraum nicht ausreicht oder die Kinder noch nicht geübt sind, eine längere Zeit zu stehen, dann kann die Meinungslinie in die Mitte eines Sitzkreises geklebt werden und “Muggelsteine” können darauf gelegt werden. Sie dienen als Platzhalter für die Positionierung der Schülerinnen und Schüler.

 

Weitere fachspezifische Methoden sind: Rollenspiele, die Zukunftswerkstatt und Planspiele. Diese sind besonders geeignet, um abstrakte und komplexe Inhalte für Schülerinnen und Schüler nachvollziehbar und anschaulich aufzubereiten. Die Bearbeitung von Arbeitsblättern ist dann eigentlich nicht mehr nötig, da die Kinder sich handlungsorientiert und mit Herz, Hand und Verstand mit dem Thema auseinandergesetzt haben. 

Literatur

Bildungs- und Lehrpläne der Bundesländer abrufbar unter: www.bildungsserver.de/lehrplaene-fuer-die-grundschule-1660-de.html

Gläser, Eva und Richter, Dagmar (Hrsg.): Die sozialwissenschaftliche Perspektive konkret. Begleitband 1 zum Perspektivrahmen Sachunterricht. Bad Heilbrunn, 2015

Goll, Thomas: Political Literacy von Kindern - Befunde, Implikationen, Herausforderungen. In: Becher u. a.: Sachunterricht in der Informationsgesellschaft. Bad Heilbrunn, 2022

Kaiser, Astrid und Seitz, Simone: Inklusiver Sachunterricht - Theorie und Praxis. Baltmannsweiler, 2017

Möller, Kornelia: Genetisches Lernen und Conceptual Change. In: Kahlert, Joachim et al.: Handbuch Didaktik des Sachunterrichts. Bad Heilbrunn, 2022

Roth, Gerhard: Bildung braucht Persönlichkeit. Wie Lernen gelingt. Stuttgart, 2011

Schreier, Helmut: Der Gegenstand des Sachunterrichts. Bad Heilbrunn, 1994

Schroeder, René: Lebensweltorientierung im inklusiven Sachunterricht. Widersprüche in Theorie und Praxis. In: Förster u. a. (Hrsg.): GDSU Journal. Heft 9-2019

Beutelsbacher Konsens abrufbar unter: www.bpb.de/lernen/inklusiv-politisch-bilden/505269/der-beutelsbacher-konsens/

Wehling, Hans-Georg: Konsens à la Beutelsbach? Nachlese zu einem Expertengespräch. In: Siegfried Schiele / Herbert Schneider (Hrsg.): Das Konsensproblem in der politischen Bildung. Stuttgart 1977, S. 173-184, hier S. 179f

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