Obwohl eine Unterrichtsstunde gut vorbereitet ist und man sich für ihren Verlauf viel vorgenommen hat, gibt es Tage, an denen ein einzelnes Ereignis die gesamte Planung über den Haufen wirft. Das kann zum Beispiel dann der Fall sein, wenn es in der Pause großen Streit oder Ärger gegeben hat. Es gibt jedoch auch andere Gründe, die dazu führen können, dass ein „normaler Unterricht“ plötzlich nicht mehr möglich ist.
So war es an einem Schultag mitten im Unterricht, als ich im hinteren Teil des Klassenzimmers eine ganz besondere Spinne entdeckt habe. Normalerweise wäre das nichts Besonderes gewesen – in diesem Fall jedoch schon. Ich erkannte sofort, dass es sich um eine Nosferatu-Spinne handelte, eine invasive Spinnenart, die sich in Deutschland zunehmend ausbreitet. Diese Gelegenheit wollte ich mir nicht entgehen lassen. Kurzerhand stoppte ich das geplante Deutschthema und lenkte die Aufmerksamkeit der Kinder auf die Spinne.
Erste Reaktionen und Fragestellungen
Die Reaktionen der Schülerinnen und Schüler fielen sehr unterschiedlich aus: Einige reagierten leicht hysterisch, ähnlich wie bei einer Wespe im Klassenzimmer, andere fanden die Situation einfach nur „cool“. Natürlich sollten alle Kinder die Spinne sehen können, dabei jedoch ausreichend Abstand halten, um sowohl sich selbst als auch das Tier nicht zu gefährden.
So entwickelte sich aus der begonnenen Deutschstunde ganz spontan eine intensive Beschäftigung mit der Nosferatu-Spinne. Im Mittelpunkt standen dabei unter anderem folgende Fragen:
Wie sieht die Spinne aus?
Woher stammt sie ursprünglich?
Wie ist ihre Verbreitung in Deutschland?
Ist die Nosferatu-Spinne gefährlich?
Einbettung in den Unterricht
Diese und weitere Fragen versuchten die Schülerinnen und Schüler anschließend mithilfe ihrer iPads und einer Internetrecherche zu beantworten.
Mit einer Körperlänge von bis zu zwei Zentimetern und einer Beinspannweite von bis zu acht Zentimetern gehört die Nosferatu-Spinne zu den größten Spinnenarten in Deutschland. Eine weitere Besonderheit ist, dass die Spinne giftig ist. Ihr Biss ist für den Menschen jedoch in der Regel nicht gefährlich. Sie beißt nur, wenn sie sich bedroht fühlt. Der Schmerz ähnelt dabei dem eines Wespen- oder Bienenstichs.
Am Ende dieser ungeplanten Unterrichtsstunde stellte sich lediglich noch die Frage, was mit der Spinne geschehen sollte, die inzwischen in einem Glas gesichert war. Auch darauf ließ sich mithilfe des Internets schnell eine Antwort finden, sodass ich die Spinne schließlich wieder nach draußen brachte.
Im Zusammenhang mit dem Klimawandel und dem damit verbundenen Anstieg der Temperaturen breiten sich immer mehr invasive Tierarten – wie beispielsweise die Nosferatu-Spinne – auch in unseren Regionen aus (hierzu habe ich bereits mehrere Beiträge geschrieben). Umso wichtiger ist es, dass Schülerinnen und Schüler diese Tiere erkennen und über ihre Besonderheiten informiert sind.
In Baden-Württemberg kann die Sichtung einer Nosferatu-Spinne beim NABU gemeldet werden.
Vermutlich muss nicht extra erwähnt werden, dass diese spontane Sachunterrichtsstunde für die Kinder deutlich spannender war und ihnen besser gefallen hat als die ursprünglich geplante Deutschstunde. Manchmal ist es eben wichtig, auch als Lehrkraft flexibel zu bleiben und spontane Lerngelegenheiten zu nutzen.