Kennst du schon die Friedensbrücke (oder auch: „Friedenstreppe“)? Ich mag das Konzept und den Begriff sehr und möchte dir heute ein wenig darüber erzählen, wie wortwörtlich und im übertragenden Sinne nach einem Streit wieder aufeinander zugegangen werden kann.
Zur Ausgangssituation
Konflikte gehören zum Schulalltag (leider) dazu und viele Kinder müssen das „richtige Streiten“ erst noch lernen. Natürlich wird oft meine Person gebraucht, um Konflikte zu lösen, aber langfristig tut man den Kindern keinen Gefallen, wenn man ihnen keine Strategien hierfür an die Hand gibt.
Zwei mögliche Konzepte zur konstruktiven Konfliktlösung – die Giraffensprache und die Friedensbrücke
Für den Einsatz in meiner Klasse habe ich lange nach einem Konzept zum Streitschlichten gesucht und bin dabei in der Literatur auf die Giraffensprache und die Friedensbrücke gestoßen und habe mich letztlich für die Friedensbrücke entschiede, da sie für Kinder im Grundschulalter meist einfacher anzuwenden ist als die Giraffensprache.
Die Giraffensprache (nach Marshall Rosenberg)
Die Giraffensprache basiert auf der gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg. Sie verlangt, dass Kinder ihre Beobachtungen, Gefühle, Bedürfnisse und Bitten bewusst voneinander unterscheiden. Gerade jüngere Kinder haben oft Schwierigkeiten, Gefühle und Bedürfnisse zu benennen, zwischen Beobachtung und Bewertung zu unterscheiden und ihre Wünsche als konkrete Bitte zu formulieren.
Die Giraffensprache kann später, nachdem die Friedensbrücke etabliert ist, ergänzend eingeführt werden oder in vereinfachter Form Bestandteil der Friedensbrücke sein, da beide Methoden auf denselben Grundgedanken beruhen, nämlich respektvolle Kommunikation, gegenseitiges Verständnis und gemeinsame Konfliktlösung.
Die Friedensbrücke oder Friedenstreppe (nach Brigitte Zwenger-Balink)
Die Friedensbrücke (ursprünglich entwickelt von Brigitte Zwenger-Balink) orientiert sich ebenfalls an den Grundgedanken der gewaltfreien Kommunikation und unterstützt Kinder dabei, Konflikte selbstständig und wertschätzend zu lösen. Mir gefällt dabei besonders gut, dass hier nicht die Frage nach Schuld oder Strafe im Mittelpunkt steht („XY hat aber angefangen!“), sondern das gegenseitige Verständnis und die gemeinsame Suche nach einer Lösung.
Zum Ablauf der Friedensbrücke
Die Friedensbrücke besteht aus vier Schritten. Dabei wird die jeweilige Karte auf den Boden gelegt und der Schritt auch physisch getan. Die Karten kannst du hier kostenlos herunterladen: Kartendatei
1. Situation: Was ist passiert?
Beide Kinder schildern nacheinander ihre Sicht des Geschehens. Sie beschreiben möglichst sachlich, was passiert ist, ohne zu übertreiben („XY macht das immer“) oder Vorwürfe zu machen. Dabei sprechen sie in Ich-Botschaften, beispielsweise: „Ich habe gesehen, dass du mich am Klettergerüst geschubst hast.“
2. Gefühl: Wie fühlst du dich?
Anschließend beschreiben die Beteiligten ihre Gefühle. Viele Kinder benötigen hierbei zunächst Unterstützung, da es ihnen schwerfällt, ihre Emotionen in Worte zu fassen. Durch das Benennen der Gefühle entwickeln sie mit der Zeit mehr Verständnis für sich selbst und andere.
3. Wunsch/Bedürfnis: Was wünschst du dir?
Nun äußern beide Seiten ihre Wünsche oder Bedürfnisse. Diese können sehr unterschiedlich sein, etwa eine Entschuldigung, eine Erklärung, mehr Rücksicht oder die Möglichkeit, wieder gemeinsam zu spielen. Ziel ist es, die Bedürfnisse aller Beteiligten sichtbar zu machen.
4. Lösung: Welche Lösung findet ihr gemeinsam?
Bewusst ist diese Stationskarte nur noch einmal vorhanden. Die Kinder überlegen zum Schluss gemeinsam, wie sie den Streit beenden können. Die Lösung wird nicht von der Lehrkraft vorgegeben, sondern von den Kindern selbst entwickelt. Dadurch übernehmen sie Verantwortung und lernen, Konflikte eigenständig zu bewältigen. Hier kann es helfen, anfangs oder generell sogenannte Versöhnungsangebote zusammenzustellen oder zu visualisieren. Meine Datei mit den Versöhnungsangeboten kannst du hier herunterladen.
Fazit
Natürlich ist die Friedensbrücke (anfangs) kein Selbstläufer. Meine Rolle als Lehrkraft besteht vor allem darin, den Ablauf zu begleiten und bei Bedarf zu unterstützen. Besonders zu Beginn benötigen viele (jüngere) Kinder Hilfe beim Formulieren ihrer Gefühle und Wünsche. Mit zunehmender Übung gelingt es ihnen jedoch immer besser, die Friedensbrücke selbstständig anzuwenden.
Insgesamt trägt die Friedensbrücke dazu bei, soziale Kompetenzen wie Empathie, Kommunikationsfähigkeit und Konfliktlösung zu fördern. Die Kinder lernen, Verantwortung für ihr eigenes Verhalten zu übernehmen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Dadurch verbessert sich langfristig das Klassenklima und das respektvolle Miteinander wird gestärkt.