Verantwortung abgeben und Vertrauen beweisen

Shutterstock.com / Vyc, Tatyana

√úber Lehrerinnen und Lehrer wird oft gesagt, dass sie glauben, alles besser zu wissen und alles zu k√∂nnen. Ein Klischee. Aber steckt nicht auch ein K√∂rnchen Wahrheit darin? Es kommt auf die Perspektive an. Wenn ich an meine erste Klasse denke, mit der ich im Sommer neu startete, wusste und konnte ich aus Sicht der Kinder anfangs alles besser. Ich wusste die Regeln und habe sie vorgegeben, an die es sich zu halten galt und immernoch gilt. Aber auch zu welchem Freiarbeitsmaterial, wie B√ľcher oder Spiele, die Kinder selbstst√§ndig Zugriff haben bzw. was sie erst nach Herausgabe von mir benutzen d√ľrfen. Der Ordnungsrahmen muss sein, die Struktur, damit ein Chaos vermieden wird. Ich konnte das Datum an die Tafel schreiben und die Namen der Kinder lesen. Das ist schon mal sehr viel mehr, als ein Erstkl√§ssler in der Regel kann. Sehr schnell behaupten einzelne Kinder von sich ‚Äěich kann das schon‚Äú und es best√§tigt sich auch, dass sie es k√∂nnen. Aber auch Fragen wie ‚Äědarf ich das Datum heute an die Tafel schreiben?‚Äú oder ‚Äěkann ich die Hefte austeilen?‚Äú h√∂re ich anfangs oft, muss dann aber auch genauso oft verneinend antworten, weil die Namen auf den Heften nicht f√ľr alle Kinder lesbar sind, n√§mlich immer dann, wenn die Eltern die Arbeitsmaterialien vor der Einschulung beschriftet haben.

Die Z√ľgel locker lassen k√∂nnen‚Ķ

Jeder Morgen f√§ngt also damit an, dass ich im Flur vor der Klasse die Spinde aufschlie√üe, das Datum √§ndere und die Hausgaben an die Tafel schreibe. Es sind Routineaufgaben, die schnell von der Hand gehen, oft lassen sie sich auch schon am Tag zuvor erledigen. Um die Motivation der Kinder zu nutzen und die Selbstst√§ndigkeit zu f√∂rdern, beginne ich immer schon recht fr√ľh, Aufgaben abzugeben. Es zeigt sich schnell, welches Kind Verantwortung √ľbernehmen kann und Vorbildfunktionen f√ľr weitere Mitsch√ľlerinnen und Mitsch√ľler hat.

…macht die Kinder stark….

Zuerst teile ich mir das Aufschlie√üen der Spinde mit einem Kind. Mein Vorschlag ist, dass das jeweilige Kind die unteren Spinde aufschlie√üt und ich die oberen. Es hat gleich zwei Effekte: Einerseits kann ich schnell eingreifen, wenn ein Schloss hakt und zum zweiten muss ich mich nicht so tief b√ľcken. Schon nach wenigen Tagen klappt das √Ėffnen ohne mich und die Kinder fragen morgens nach dem Schl√ľssel f√ľr die Spinde. Ich ziehe mich immer weiter zur√ľck und √ľberlasse Aufgaben, die t√§glich zu bew√§ltigen sind, den Kindern. Schlie√ülich wird der Schl√ľssel selbstst√§ndig aus dem Schreibtisch genommen und auch wieder hineingelegt. Die Klasse hat mein Vertrauen und sie nimmt die Aufgaben ernst. Ich habe in meiner ganzen Lehrert√§tigkeit noch nicht erlebt, dass ein Kind mein Vertrauen missbraucht hat. Nun k√∂nnte man sagen, es sind ja auch nur Schrankschl√ľssel und keine pers√∂nlichen Dinge, aber auch daran l√§sst sich Selbstst√§ndigkeit lernen und Vertrauen beweisen. Es macht die Kinder stark. Ein weiteres Beispiel ist das t√§gliche √Ąndern des Datums. Wir haben laminierte Karten, die mit einem Magneten versehen sind und an die Tafel geh√§ngt werden. Die Zahlen und Monatsnamen liegen in einer Kiste bereit und auch diese Aufgabe kann schon bald ein Kind √ľbernehmen. Hin und wieder kommt es zwar vor, dass das falsche Datum gegriffen wird, aber die Mitsch√ľlerinnen und Mitsch√ľler beobachten jede Aufgabe der anderen sehr genau und protestieren sehr schnell, so dass korrigiert werde kann.

….und entlastet mich als Lehrperson

Schon bald nach der Einschulung werden es immer mehr Aufgaben, die ich abgeben kann und die mein Vertrauen beweisen und die Selbstständigkeit der Kinder fördern. Es sind die vielen Kleinigkeiten, die mich täglich entlasten können.

Ausblick

F√ľr die n√§chste erste Klasse nehme ich mir vor, die Eltern auf dem ersten Elternabend zu bitten, die Namen ihrer Kinder in Gro√übuchstaben auf das jeweilige Heft, Buch oder Mappe zu schreiben, damit das Lesen der anderen Kindernamen schneller gelingt.

 

Merken
Zur Liste hinzuf√ľgen:
Hinzuf√ľgen
Schreiben Sie einen Kommentar